Vor zwanzig Jahren erschien das Buch „Elegie für Iris“ von John Bayley. Es beschreibt die Reise der Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdock – Bayleys Ehefrau und Gefährtin – in die Demenz. John Bayley lässt ein Portrait dieser ungewöhnlichen Frau entstehen. In Rückblicken entsteht ein Bild der Lebenskünstlerin, der viel gelesenen Autorin. Umso heftiger ist der Verlust, der Weg in die Verwirrung. Iris sagt an einer Stelle des Buches: “ Ich gehe jetzt ins Dunkel“. Wir folgen John und Iris, in ihrer Liebe, in ihrer Verzweiflung, in der gemeinsamen Verwahrlosung, als sie sich nicht mehr gegen die Krankheit wehren können. Seit vielen Jahren zeige ich den wunderbaren Film, der sich getreu an die Buchvorlage hält, und damit einen Blick in die Dramen der Beteiligten erlaubt, der sonst verschlossen bleibt. Iris (unglaublich authentisch dargestellt von Judi Dench) ist zu einem Interview eingeladen, es soll ihr Lebenswerk im Fernsehen gewürdigt werden. Die Moderatorin stellt eine Frage, auf die Iris nicht antworten kann: sie flüchtet aus dem Studio und irrt durch die graue,laute Stadt. Dramatisch und gleichzeitig lapidar, so zeigt sich die Situation. Das Schlimme passiert wie nebenbei und unaufhaltsam. John versucht zu beschwichtigen, abzuwehren. Er feiert Iris kleine und ihre (vergangenen) großen Erfolge. Das Aufgeben passiert unspektakulär. Wie oft habe ich die Einsamkeit der Ehepartner erlebt: ich, oder jemand, möchte helfen, und bleibt hilflos vor den Verlusten, die nicht ausgeglichen werden können. John erzählt davon wie eine große Liebe besteht, und doch scheitert. Er bringt Iris am Ende in ein Pflegeheim, und erinnert sich wie sie beide Iris`Mutter vor vielen Jahren dorthin gefahren haben.
Wenn ich an die vielen Paare denke, die ich in den letzten Jahren kennen lernen durfte, habe ich großen Respekt davor was sie gemeinsam durchstehen müssen. Fragen stellen sich: Liebe ich den anderen noch, hasse ich ihn oder sie? Darf ich mich zurückziehen aus der Beziehung, mich scheiden lassen? Zu was bin ich verpflichtet? Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich an Trennung denke? Was kann ich aushalten? Muss ich das aushalten? Wer bin ich, wenn ich gehe? Wer bin ich, wenn ich bleibe?
In einer Beziehung spielt die Achtung voreinander eine große Rolle. Was ist, wenn ich den Respekt verliere? Tausend Fragen gehen mir durch den Kopf, auf die vielleicht keine befriedigende Antwort zu finden ist. Vielleicht ist es auch gar nicht das, was Menschen in einer Beratung suchen. Sie sind Verzweifelte, aber sie sind auch Überlebende. Sie nehmen die Hilfe, die sie bekommen können, und machen weiter. Ich versuche keinen rührseligen Trost mehr in Richtung: sie können noch so schöne Sachen zusammen machen! Das stimmt und ist trotzdem lächerlich, denn es ist keine Rettung. Das, was Angst macht sind andere Dinge: die Scham, der Verlust, die Peinlichkeit, das Ausgeschlossen-Sein, nicht zu wissen, was noch kommt.
Die Orte, die wir in den Hausgemeinschaften und nun auch in der Tagespflege schaffen, sind wie Rettungsinseln im Ozean. Für eine begrenzte Zeit bieten sie Schutz vor der unwirtlichen Außenwelt. Es gibt zu essen, Wärmedecken und das Überleben ist erst mal gesichert. Wir sind keine Heiler, wir sind Begleiter in einer Situation die keiner allein bewältigen kann. Respekt vor allen Menschen die hier leben, und allen die hier arbeiten, und vor allem: vor den Familien und Ehepartnern, die die Wege- bis zu welchem Ende auch immer – mitgehen, das ist was ich mir wünsche – heute und für 2019!

Viele Grüße zum neuen Jahr! Heike Schaumann

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Sehr fröhliche Stimmen empfangen mich in der Hermannstraße 5. Frau S und Frau P lachen über einen Witz von Herrn K, der sitzt grinsend daneben und freut sich über seinen Einfall. So gemütlich ist es gerade und ich bin froh. Die Tagespflege-Gäste kommen morgens aus ihrem Zuhause und viele freuen sich auf den Tag. Andere haben widersprüchliche Gefühle: sie haben morgens vergessen, dass sie schon in der Tagespflege waren, oder sie haben Sorge, was sie dort erwartet. Sie möchten vielleicht auch nicht als hilfsbedürftig wahrgenommen werden. Herr F kommt und geht, wie es ihm gefällt, er mag es nicht, wenn er sich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlt. Seine Ehefrau macht sich Sorgen, aber sie weiß, dass es nicht anders geht. So wie wir: keiner denkt, dass es leicht ist. In den Stunden die alle zusammen in der Tagespflege verbringen, überwiegt das Fröhliche, Ungezwungene. Herr W und Herr D genießen die Unterhaltungen, im Gespräch können sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen. Es wird ihnen zugehört. Herr G zieht sich zurück und hört Musik, zum Mittagessen setzt er sich an den großen Tisch, und wendet sich freundlich den anderen zu. Kurz denke ich- alles ist möglich. Angehörige können die Zeit für sich nutzen, so wie die Gäste in der Hermannstraße, jeder bekommt was er braucht.
Das Gleichgewicht ist labil. Die Situationen der Familien sind, bei aller Unterstützung, nicht einfach. Eine Krankheit von Angehörigen, eine Lücke im Hilfe-Netzwerk, unruhige, schlaflose Nächte, das alles kann das mühsam aufgebaute Kartenhaus ins Wanken bringen.
Ich muss lächeln: die Hermannstraße quillt schon mit den wenigen Gästen über von Emotionen und Geschichten. Wir genießen das Hier und Jetzt. Ich bin ein bißchen traurig, dass ich gehen muss. Frau P winkt mir zum Abschied zu, und lacht schon wieder über einen Spaß von Herrn K …

PS. Endlich ist die Tagespflege Hermannstraße eröffnet, und wir knüpfen an unserem Netz mit den Hausgemeinschaften Am Heimbach und dem „Demenzfreundlichen Wehlheiden“. Stürzen wir uns also auf die Möglichkeiten!

Viele Grüße aus dem Netzwerk Heike Schaumann

Immer wenn ich denke, ich habe alles geschrieben, was es zu sagen gibt über das Leben und Arbeiten mit Menschen mit Demenz, zeigt sich ein neuer Aspekt, eine neue Facette. In einem anderen Zusammenhang ergeben sich bisher unbekannte Sichtweisen. Ob mir eine Sichtweise wichtig erscheint, hat viel mit meiner eigenen Verfassung und Gestimmtheit zu tun.

Wenn ich ängstlich in die Zukunft schaue, erscheinen mir Verhaltensweisen, oder sogenanntes „herausforderndes Verhalten“ von Menschen mit Demenz kaum auszuhalten. Dann mache ich mir Sorgen: „wie soll das gehen…“, „es wird bestimmt alles noch schlimmer“, „keiner kann das länger aushalten!“ Es scheint keinen Ausweg zu geben. Dann hole ich Kraft aus der Erfahrung, aus der Erinnerung. So sehr die Gegenwart mir zu schaffen macht, so sehr weiß ich, dass bisher jede Schwierigkeit zu bewältigen war, und sich – wenn auch nicht gleich – eine Lösung gefunden hat.

Frau B redet den ganzen Tag laut vor sich hin. Damit ist sie für die Gemeinschaft oft eine große Belastung. Sie spürt das und zieht sich dann in ihr Zimmer zurück: selbstgewählt, aber auch notwendig. Wahrscheinlich fühlt sie mehr, als dass sie es wüsste: die Anderen können ihr ständiges Reden nur bedingt aushalten. Im Zimmer wird sie nicht vergessen. Zum Essen kommt jemand zu ihr, aber auch zum Unterhalten und zum Spielen. Frau B ist auf ihre Art zufrieden. Das Glück, dass sie erfährt scheint uns oft zu klein, aber ich glaube, es ist die Art von Glück, die jetzt möglich ist. Ich lerne mich zufrieden zu geben, wie es Frau B tut: das kleine Glück genießen.

Viele solche kleinen „Glücke“ habe ich in den elf Jahren im Heimbach erlebt. In der Summe scheinen sie mir unendlich, soviele Menschen, denen die Hausgemeinschaften ein Leben ermöglichen, dass sie in der Gemeinschaft hält. Ein Leben das ihnen Rechte und Pflichten zumutet, wie anderen Menschen auch. Es geht dabei nicht immer gerecht zu, aus den Unzulänglichkeiten des Einzelnen passieren Kränkungen, die wir nicht immer verhindern können. Schmerzen, die nicht gleich erkannt werden, oder auch Botschaften, die wir nicht verstehen, oder falsche Schlüsse die wir aus diesen Mitteilungen ziehen.

Manchmal wünsche ich mir Sicherheit: alle Risiken sind abgedeckt, alle Mitarbeiter können mit jedem Bewohner fachlich und menschlich „richtig“ umgehen, alle Standards von was auch immer sind erfüllt und zeitnah evaluiert …

bis mich die tiefere Erkenntnis wieder erreicht – alles Leben ist ein Schwebezustand – alles bleibt im Fluß.

aus dem Fließenden    liebe Grüße  Heike Schaumann

Menschen mit Demenz werden in ihrem Alltag oft unsichtbar. Sie isolieren sich mehr und mehr aus dem alltäglichen Leben. Freunde werden weniger, Aktivitäten und Hobbys verlieren ihre Bedeutung. Oft sind es nur noch die nächsten Angehörigen, die sie zu Gesicht bekommen. Häuser und Wohnungen werden zu Gefängnissen, kein Schloss, keine Gitter sind dazu notwendig. Manche Menschen sind deshalb glücklich wenn sie in die Hausgemeinschaften einziehen. Frau N spricht es aus: ich bin froh, dass ich hier bin! Ihre Demenz ist nicht weit fortgeschritten, und sie ist eine dieser glücklichen Menschen, die sich freuen können, die die Veränderung als Verbesserung begrüßen können. Das macht es uns leicht. Jeder Tag bringt neue Gespräche und Kennenlernen der Umgebung mit sich. Frau N genießt, dass jemand da ist zum Reden. In einer Gemeinschaft zu sein, bedeutet ihr etwas.

Frau H geht es anders. Auch sie ist einsam gewesen zuhause. Sie ist kein so geselliger Mensch wie Frau N. Sie tut sich anfangs schwer Vertrauen zu fassen. Manche unserer Aktivitäten findet sie kindisch und fühlt sich lächerlich gemacht, wenn sie teilnimmt. Erst nach und nach freundet sie sich mit dem Leben hier an. Im Zimmer finden schon ganz nette Gespräche mit den Pflegenden statt und jetzt sehe ich sie öfter auch am Tisch sitzen bei den anderen.

Dann sind es die kleinen Gesten, die Zugehörigkeit schaffen: Blickkontakt, sich zur Begrüßung zunicken, beim Namen genannt werden, um etwas bitten, nach meiner Meinung gefragt werden, in ein Gespräch einbezogen sein.

Jeder Tag beheimatet die neuen Bewohner ein bisschen mehr in unserem Alltag. Jeder prägt das Zusammensein mit und verändert unsere Gewohnheiten ein wenig. In diesem Gestaltungsprozess passen wir uns gegenseitig an, und beeinflussen uns. Durch dieses „Beitragen“ wird jeder auf seine Weise sichtbar.

Frau J hat sich an Gesprächen oft nur sehr spärlich beteiligt. Ihre seltenen, scharfen Bemerkungen haben uns gezeigt, wieviel sie wahrgenommen und verstanden hat. Nach ihrem Tod wird uns noch bewusster, wie sehr sie Teil des Lebens im Wohnbereich gewesen ist.

Diese Chance zu nutzen, in Altenheimen in einem guten Sinn Begegnungen zu ermöglichen, sehe ich als eine sehr wichtige Aufgabe. Mit anderen Menschen zusammensein, einen Beitrag leisten, im Gespräch sein, das sollte auch für Menschen mit Demenz „normal“ sein.

liebe Grüße  Heike Schaumann

 

Viele Menschen haben wir in den Hausgemeinschaften beim Sterben begleitet. Jeder Einzelne liegt uns am Herzen. Zu tun was notwendig ist, und was der Situation angemessen scheint, ist jeweils eine neue Entscheidung. Individuelle Leben, und Sterbe-Begleitungen (die ebenso einzig verlaufen), fordern uns immer wieder heraus Gewohntes hinter uns zu lassen. Nicht immer können wir den Menschen, die wir begleiten gerecht werden, aber die Angehörigen spüren unsere Bemühung und sind dankbar.

Der Sterbende selbst sagt uns meist nicht mehr mit Worten, was er von uns braucht, oder die Worte müssen erst „übersetzt“ werden in unsere normale Sprache. Oft ist es nicht eindeutig, was wir zu hören glauben: wir diskutieren, wir ringen um das richtige Verständnis einer Situation, einer Aussage, einer Geste. Dabei fühlen wir uns oft genug unzulänglich, unsere Worte und Taten scheinen nicht zu dem einzigartigen Vorgang zu passen. Was interessiert den Sterbenden noch, braucht er unsere unbeholfenen Versuche des Verstehens überhaupt? Hinter den für uns drängenden Fragen – hat er Schmerzen, möchte er essen oder trinken, soll jemand bei ihm sitzen – verbirgt sich oft unsere Unsicherheit, wie wir dem Sterbenden begegnen können. In diesem Hin und Her zwischen alltäglicher Sorge und Versorgung und Erhabenheit des Sterbens spielt sich ein Teil unseres Hausgemeinschafts-Lebens ab. Es sind oft kleine Dinge, die uns zu verstehen geben, dass der Sterbeprozess beginnt: ein Sturz, zunehmende Schwäche, weniger Interesse an Dingen des Alltags, veränderte Gewohnheiten, oder verändertes Aussehen.

Frau N hat sich in den letzten Wochen abgesondert. Sie ist immer ein freundlicher und humorvoller Mensch gewesen. Jetzt ist sie manchmal grantig und schimpft. Sie hat Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück. Anfangs glauben wir mehr Schmerzmittel seien die Lösung. Die bewirken nicht viel. Sie isst und trinkt nicht mehr gerne. Sie liegt auf ihrem Bett und döst vor sich hin. Die Zeichen der Schwäche nehmen zu. Frau N wird im Gemeinschaftsraum vermisst, aber alle gönnen ihr die Ruhe, und nicht auf einmal, aber nach und nach wird uns klar, dass wir sie nicht mehr im Leben, sondern im Sterben begleiten. Diese Erkenntnis einmal ausgesprochen im Team, verändert uns. Wir wenden uns anderen Fragen zu. Womit können wir ihr helfen, was braucht sie jetzt von uns? Eine junge Frau, die vom Hospizverein kommt, findet einen guten Zugang zu Frau N, die beiden unterhalten sich gerne. Alle umsorgen sie, hin und her gerissen zwischen den eigenen Gefühlen. Sterben zu begleiten ist kein ungestörter Prozess: immer wieder kommen Zweifel auf. Haben wir die Situation richtig eingeschätzt, können wir Frau N nicht doch wieder „aufpäppeln“, dürfen wir so über ihr Sterben denken, reden wir es vielleicht sogar herbei? Diese Ambivalenz ist typisch. Erst vom Tod her lässt sich mit Ruhe sagen: Alles ist gut!

Frau N liegt auf ihrem Bett, sie sieht wunderschön aus. Wir sitzen noch zusammen um sie herum, und unterhalten uns. Über ihr Leben, über die letzte Zeit, die letzten Jahre. Was sie sich gewünscht hätte, über unser Leben, den Alltag und wie es jetzt weitergeht. Nicht alle Verstorbenen strahlen diese Zuversicht und Erhabenheit aus. Wir nehmen das Geschenk an, und fühlen uns geehrt, dass wir Frau N begleiten durften.

Ich schreibe das auf, weil es dem Wunsch des „Zuhause in Würde sterben“ vielleicht einen neuen Rahmen verschafft.

liebe Grüße  Heike Schaumann

Frau J sitzt oft einfach nur da. Ruhig ist sie dabei -wenn man sie nicht kennt, könnte man glauben sie beobachtet uns. Ich denke nicht, dass sie viel dabei erlebt. Wenn ich sie anspreche lächelt sie, meist versteht sie mich nicht richtig. Sie sucht Sätze zusammen, die so ungefähr passen könnten. „Ja, ja das kann schon sein!“, oder „Stimmt genau“. Ich bin gerne bei ihr, weil sie so freundlich ist, und nichts von mir verlangt. Frau J kennt mich nicht mit Namen, aber sie ist auch nicht misstrauisch: wird schon stimmen, dass ich da bin. Am liebsten mag sie es, wenn jemand kommt, und mit ihr spazieren geht, oder eine Runde durchs Haus läuft. Gestern kommt sie plötzlich zu mir, und sie nimmt meine Hand. Wir machen eine Art Tänzchen mit Händen. Schwingen hin und her. In der Bewegung sehe ich, wie sie lebendiger wird, ihr Blick wird gefasster und klarer. Diese Erfahrung des „Klarer werden“ mache ich auch bei anderen Formen von Bewegung: zum Beispiel beim Tanzen, oder auch beim Schunkeln. Bewegung setzt Denken in Gang. Frau J`s Blick ist jetzt auf mich gerichtet und sie schaut mich richtig an! Wir schwingen weiter unsere Arme durch die Luft, und lachen. Wir sind in Verbindung! Wie schön, wie einfach. Es ist doch spannend, dass durch die Berührung in Kombination mit Bewegung, die Menschen mit Demenz erreichbarer werden, mehr „ankommen“. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir jede Gelegenheit dafür nutzen: Tanztreffen, Sitztanz, Feste mit Musik, Arm in Arm spazieren gehen, zur Musik wiegen … Der Rhythmus hilft ins Leben zurück. Viele von uns kennen noch die kleinen rhythmischen Sprüche und Reime, die wir als Kinder vor uns hin sangen: Hänschen klein, Häschen in der Grube, Ein Hut-ein Stock-ein Regenschirm, Backe backe Kuchen … Manchmal nutze ich sie um in Kontakt zu kommen, dann ist es wunderschön, wenn etwas in den Augen eines Menschen aufblitzt, der oft kaum erreichbar erscheint.

Frau L kommt gerade um die Ecke: sie sieht uns schwingen, und packt mich bei der Hand, ich soll mit ihr gehen. Ich nehme sie auf in unseren Hand-Ringelreihn, und jetzt sind wir schon drei!

Mehr Bewegung ins Leben !- liebe Grüße  Heike Schaumann

 

Letzten Donnerstag war es mal wieder soweit: Tanztreffen in der Tanzschule „Für Sie“. Diesmal haben wir uns gut vorbereitet und schon mal eine Wunsch-Song-Liste geschrieben. Jan, der junge Mann der heute für uns auflegt, kann alles über Spotify herunterladen: ABBA, Elvis, Smokey, Udo Jürgens, Alexandra. Manches muss ich erstmal buchstabieren, aber wir kommen zurecht. Anderes  kennt er sogar …

Obwohl draußen 30 Grad Wärme herrschen, geht es gleich nach dem Kaffee auf die Tanzfläche. Absolute Dancing Queen ist wie jedes Mal Frau L. Sie setzt sich nur kurz hin, wenn kein Tanzpartner zur Verfügung steht. Einige unserer jungen Begleiter hat sie schon in Grund und Boden getanzt. Frau T hat früher selbst Standard getanzt, heute bewegt sie sich nur noch sehr ungern, aber die Musik bringt sie dann doch etwas auf Trab. Ihre Schritte sind noch eingeübt, und man sieht die Eleganz noch in der ein oder anderen Drehung. Frau Z kann alles mitsingen, sonst spricht sie fast kein Wort mehr. Ich ahne wie ausgelassen und lustig sie einmal gewesen ist. Die Zuhause- Gebliebenen erzählen mir später, dass sie  – wieder im Heimbach –  sofort müde aufs Sofa gefallen ist. Frau G mag vor allem die Musik: wieder und wieder sagt sie, wie schön das sei! Jailhouse Rock, dazu hat sie mit ihrem Mann getanzt.

Ich bin schon nass geschwitzt, während von Frau L kein Tropfen rinnt. Der Sohn von Frau K ist gekommen, jetzt tanzen die beiden zu YMCA. Unser Tanzlehrer ruft uns zusammen: „bildet einen Kreis!“ Wir gehen nur von rechts nach links, aber das bedeutet schon eine Herausforderung. „Und dann die Hände zum Himmel“, das verstehen wieder alle, und wir singen wie die Verrückten. Wir verausgaben uns, schwitzen, wedeln mit den Händen, und werfen auch ein bißchen die Beine hoch. Diesmal erinnert sich Frau G noch am nächsten Tag ans Tanzen, das ist ein Riesenerfolg in unserem  erinnerungslosen Alltag! „Das war schön gestern, die tollen alten Songs.“

Was bleibt von solchen Nachmittagen, und warum nehmen wir die Anstrengung jedesmal wieder auf uns? Es gibt verschiedene Antworten, die mich alle nicht recht befriedigen: Wir machen gerne anderen eine Freude, wir fühlen uns gerne sinnvoll tätig, wir lieben (manche von uns) Aktionen wie diese … vielleicht von allem ein wenig.

Ich bin zuhause und lege meine schmerzenden Beine hoch: am Freitag ist unser Sommerfest und wir haben Welf Kerner mit seinem Akkordeon eingeladen …

(war übrigens ein toller Nachmittag mit Mengen von Kuchen- danke an alle Bäcker- und einem nahtlosen Übergang zum Bratwurst-Essen!)

liebe Grüße aus den Hausgemeinschaften Am Heimbach   Heike Schaumann

 

Immer mal wieder werde ich gefragt, ob ich für möglich halte, dass traumatische Erlebnisse eine Demenz auslösen können. Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber natürlich interessiert mich das Thema sehr. Wir haben oft mit Menschen in unserer Arbeit zu tun, die Traumatisches in ihrem Leben erfahren haben. In den Jahrgängen von 1920-45 fast immer im direkten Zusammenhang mit  Erfahrungen und Erlebnissen im Nationalsozialismus und im Krieg. Dabei kann die Verletzung vielfältige Gründe haben. Herr G ist als Kind auf der Flucht verloren gegangen, Frau B ist vergewaltigt worden auf dem Weg aus Ostpreußen, wir wissen nicht wo und von wem. Über dieses Schlimme gibt es nur spärliche Informationen. Frau H hat Albträume über die Aufenthalte im Bunker an der Gräfestraße in Kassel: immer wieder hat sie Panik zu spät zu kommen, den schützenden Bunker nicht mehr zu erreichen, aber auch Angst hineinzugehen, und dort zusammengedrängt mit anderen viele Stunden verbringen zu müssen.

Bei anderen wissen wir nicht was ihnen geschehen ist. Was Angst oder auch Panik bei ihnen auslöst. Vielleicht hat es Gewalt in der Familie gegeben? Oder ein anderes, nach außen weniger spektakuläres Ereignis hat eine seelische Wunde hinterlassen.

Eindrücklich sind für mich zwei Männer, die als Soldaten dramatische Dinge in Russland erlebten, die sie in der fortschreitenden Demenz quälten, und die für uns sehr schwer zu begleiten waren. Beide sind selbst Opfer von Gewalt gewesen, und haben aber auch anderen Gewalt angetan.

Herr T kratzt sich immer wieder auf, er schreit und stöhnt viel. Jede Berührung scheint ihn zu verletzen. Er ist untröstbar. Keine Intervention bringt Beruhigung. Die Ursache bleibt trotz aller Vermutungen ein Rätsel. Herr Z hat Flash-backs nach einem Schlaganfall. Er sieht sich auf der Flucht als junger Soldat, erlebt die angstvolle, verzweifelte Situation, sich verstecken zu müssen in russischen Straßengräben, ein zweites Mal. Immer wieder erzählt er folgende Geschichte: „Mein Vater hat zu mir gesagt, tötet nicht die englischen Soldaten, sie sind auch Söhne von Müttern. Aber wenn wir es nicht getan hätten, dann hätten sie uns getötet.“

Für beide bringt erst der Tod die von allen ersehnte Erlösung.

Wir wissen heute, dass jeder Mensch andere Strategien hat, mit schlimmen Erfahrungen umzugehen. Ist die Demenz vielleicht ein Ausweg aus den nicht verarbeiteten Ereignissen, oder sind die Erinnerungen nur nicht mehr zurückzudrängen, durch den zunehmenden Kontrollverlust in der Erkrankung?

Flashback

Unter der Haut

liegen die Bilder

die dich jucken

 

du willst sie wegkratzen

schlägst nach uns

wenn wir dich berühren wollen

 

du schaust durch uns hindurch

unsagbarer Schmerz

aus der Vergangenheit

 

unsichtbar für unsere Augen

bleiben die Bilder

im Dunkeln

 

unerlöst

unlösbar

gebunden in deinen Körper

sterben sie erst mit dir

 

und hinterlassen

eine blutende Spur

Heike Schaumann

 

 

Heute waren unsere Mitarbeiterinnen der sozialen Betreuung nicht da. Das kommt selten vor, und wir haben uns schon sehr daran gewöhnt, dass es immer ein Angebot gibt: erzählen, rätseln, basteln, singen, spazieren gehen, malen, oder was uns sonst noch so einfällt. Ich habe auch mal wieder Lust zu spielen, und wir veranstalten eine kleine Ballspielrunde im Schatten. Zwei unserer jungen Leute im Haus sind mit dabei. Wenn ich es beschreibe klingt es beinahe langweilig: wir werfen uns zu, versuchen einen Eimer zu treffen, und testen ob die anderen in der Runde überhaupt schon richtig wach sind … Ich habe Annika, meine Kumquat-Puppe dabei. Sie begrüßt jeden einzelnen, schon das ist ein Spaß für alle. Ist das albern? Ist es für Erwachsene angemessen? Die Reaktionen der Bewohner sind positiv, wir amüsieren uns übereinander und miteinander: wir spielen. Wir blödeln und versuchen uns gegenseitig aus der Reserve zu locken. Frau H trifft der weiche Ball am Kopf, und alle lachen. Sie selbst schaut erst entrüstet, als alle lachen, lacht sie mit. Der Treffer hat nicht wehgetan, aber er hat sie wach gemacht. Frau H spielt jetzt richtig mit! Sie versucht jemand anderen zu treffen. Frau G sitzt hinter uns, sie guckt etwas mitleidig, bis sie selbst den Ball in die Hand bekommt und ihr Ehrgeiz erwacht: sie möchte den Eimer treffen! Mehrmals wirft sie daneben, und will schon aufgeben. Wir feuern sie an: „G… vor noch ein Tor!“Sie hat durch die Erkrankung nur noch wenig Zutrauen zu sich selbst. Wir motivieren sie es noch einmal zu probieren, und sie trifft. Frau G freut sich und lacht. Sie ist in diesem Moment so entspannt und gut gelaunt wie selten. Herr T kann den Ball nicht loslassen, er hält den Ball fest und der Arm bewegt sich keinen Zentimeter. Erst als das Spiel schon beendet ist sitzt er noch da, und wirft plötzlich los. Es ist als hätte er auf diesen Moment gewartet: er übt schon mal für`s nächste Spiel.

Nach dem Spiel sind alle fröhlich und eine Leichtigkeit ist da, die wir sonst manchmal vermissen. Ich schwitze, und vergesse mein Telefon im Garten. Mit neuer Energie sitze ich an meinem Schreibtisch, und wundere mich warum ich nicht öfter mitspiele.

Das Spielen ist übrigens eine „Profi-Strategie“ die Tom Kitwood empfiehlt im Umgang mit Menschen mit Demenz: ich denke wir können sie für uns alle gut gebrauchen!

Fröhliche Grüße aus den Hausgemeinschaften  Heike Schaumann

Letzten Winter habe ich mir einen Text von der Seele geschrieben. Einige Menschen im Haus waren zu dieser Zeit sehr anstrengend, angetrieben von ihrer Unruhe. Ruhe-los streiften sie durch die Etagen, suchten Auswege, nicht um von uns wegzugehen, eher um sich selbst zu entkommen.

Den Text habe ich „Was ich sehe“ genannt. Auch um deutlich zu machen, dass es meine Sicht auf die Situation ist.

Was ich sehe

Ich sehe dich, wie du schläfst, wie du lachst, wie du sauer guckst. Manchmal siehst du so verwirrt aus, dass ich wegschauen will. Du siehst verrückt aus. Die anderen schreien schon wieder- „die gehört nicht hierhin, die muss in die Psychiatrie“ – dann verteidige ich dich sofort, ich möchte dich beschützen vor diesen Schreihälsen. Du siehst, ich weiß selbst nicht was ich denken, und schlimmer, was ich fühlen soll. Kaum ist der Abscheu verflogen, gehen wir Hand in Hand durch die Flure. Du nimmst mir nicht übel, wenn ich an dir zweifle. Oft genug sehe ich Verzweiflung in deinem Blick, weil du weder mich, noch dich, oder die Welt verstehen kannst. In deinen Gesten liegt Vertrautes aus deiner Vergangenheit: wie sicher du die Schere nimmst, oder den Saft in deinen Kaffee schüttest. Deine Hand zittert manchmal, zu viele Medikamente und Alzheimer nehmen dir die Souveränität über deinen Körper. Deine Gefühle machen dich lebendig, wer dich angreift wird zurück geschlagen, wer dich lieb anschaut wird gestreichelt, wer dich bei der Hand nimmt, wird mitgenommen auf deine endlosen Wanderungen. Kein Weg ist dir zu weit, wenn du nach Hause willst. Im schnellen Lauf rennst du durch die Straßen, einem unerreichbaren Ziel entgegen. Aber du bist nicht unbesiegbar, deine Kräfte reichen nicht mehr lange, die Krankheit zermürbt dich. Ich gebe zu, darüber bin ich irgendwie auch froh, deine Energie macht mir Angst. Wenn du schwächer wirst, weiß ich, wir können es schaffen, wir können dich einholen auf deinem Lauf gegen den Wahnsinn. Manchmal gönnt uns Alzheimer eine kurze Pause, und wir bringen sogenannte Normalität zustande. Ein Moment auf dem Sofa morgens: wir sitzen nebeneinander, und du nähst einen Knopf an. Das Bild ist friedlich, und voller alltäglicher Harmonie. Ich mache ein Foto, bevor du aufspringst, und dich auf die Suche –nach-was-auch-immer- begibst.

Die Qual, die Freude, die Stille, die Vertrautheit, die Unsicherheit, die Hoffnung, wir teilen sie – für eine Weile.

 

Heike Schaumann   2017

 

 

 

 

 

 

Demenzfreundliches Wehlheiden

Ansprechpartner

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Am Heimbach 62
34121 Kassel

Heike Schaumann (Heimleitung)
Fon: 0561/50698-520
Fax: 0561/50698-599
heimbach@albert-kolbe.net

Petra Peter (Pflegedienstleitung)
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