Manchmal kracht es im Heimbach. Aus den verschiedensten Gründen. Alle haben genug. Bewohner und Mitarbeiter. Wir arbeiten und leben auf engem Raum zusammen. Wir sind sehr unterschiedlich. Langmütige, geduldige, aufbrausende, nachsichtige, angespannte, traurige, gut gelaunte, nachtragende, fröhliche Menschen treffen aufeinander. Manchmal ist die Stimmung dann explosiv. Einer hat etwas gesagt oder gefordert, und der andere hat dann reagiert, vielleicht nicht so wie der erste sich das vorgestellt hat. Dann gibt es Stress, Streit – es entlädt sich die Spannung, die vielleicht schon seit Stunden oder seit Tagen in der Luft liegt. Heute bin ich mal mittendrin und streite mit. Statt cool zu bleiben, lasse ich mich provozieren von einem Vorwurf, der weniger an mich, als an die Welt gerichtet ist. Ich kann die Fragen von Frau Z nicht beantworten, ich kann die Probleme nicht lösen. Das macht mich manchmal sauer: ich hätte gerne Antworten und Lösungen. In den Jahren hier habe ich schon dazu gelernt. Nicht auf alles gleich reagieren, nicht auf die große Lösung zu setzen. Die vielen kleinen Schritte die wir gehen müssen, mit Menschen, die nicht mehr sachlich und intellektuell ihre Fragen angehen können (betrifft von Zeit zu Zeit uns alle). Die nur allmähliche Veränderung, Verbesserung von schwierigen Lebenssituationen zu akzeptieren, fällt mir trotzdem immer noch schwer. Das Leben in den Hausgemeinschaften hat mich gelehrt, dass „drüber reden“ schon hilft. Manchmal sehe ich die Ungeduld bei den anderen: „schon wieder nur reden!“ Ich brauche oft einen Anlauf, muss mich selbst motivieren wieder das Gespräch zu suchen.

Frau Z braucht nicht immer eine Antwort, wenn ich gelassen bleibe, ist der Ärger bei ihr auch schneller verraucht. Und ich wollte ihr heute ein für alle Mal verdeutlichen, dass das was sie bekommt genug ist. Dabei leidet sie unter ganz anderen Dingen: sie versteht die Welt nicht mehr, und die Wut ist eine Reaktion auf diesen Verlust und kein Mangel an materiellen Dingen, oder emotionaler Zuwendung. Ja, ich weiß das ….

Zwei Minuten nach unserem Streit begegnen wir uns wieder neutral: hat sie alles vergessen? Ich weiß es nicht. Ich bin auch wieder normal, kurz schauen wir uns an. Wir haben nichts „geklärt“ auf verbale Weise. Mit mir unzufrieden, aber erstaunlich friedlich fahre ich nach Hause. Habe ich den Streit gesucht?

recht friedliche Grüße aus den Hausgemeinschaften   Heike Schaumann

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Ruhig fließt die Zeit. Leben und Sterben, Schlafen und Wachen, Reden und Schweigen, Erinnern und Vergessen wechseln ab. Frau G hat vergessen wer sie ist, oder denke ich das nur? Versteht sie mehr, als ich glaube?

Bis vor kurzem hätte ich nicht gedacht, dass so wenig Körper noch lebensfähig ist, aber Frau G beweist es. Sie ist nur noch Haut und Knochen, aber sie lebt, sie isst und schläft und atmet. Manchmal wacht sie auf und schaut uns direkt an, oder sie guckt in eine Welt, die nur sie schauen kann. Tag für Tag wird sie gepflegt und behütet. Manchmal habe ich das Bedürfnis ihr Zimmer umzugestalten, etwas Neues aufzuhängen oder ein Möbelstück umzustellen. Dann empfinde ich es als sinnlos, und ich begnüge mich damit, bei ihr zu sitzen. Gedanken gehen mir durch den Kopf, die nichts mit ihr zu tun haben, ich bin ruhig und je länger ich hier sitze, desto friedlicher scheint mir ihr Zustand. Ich bin bei ihr, aber welche Aufgabe fällt mir zu? Welches Rätsel soll ich hier lösen?

Ich muss weiter. Ich lasse Frau G zurück. Der Alltag hat mich wieder und ich folge dem Rhythmus des Lebens in den Hausgemeinschaften. Frau G liegt dort, und stellt keine Ansprüche, sie fragt nach nichts, sie bittet um nichts.

Wenn ich versuche die großen Rätsel des Lebens zu entschlüsseln, versuche zu erklären, wie sich vermutlich jemand in der Demenz fühlt, wie er denkt, fällt mir Frau G ein: dann werde ich demütig und akzeptiere, dass ich sehr, sehr Vieles nicht weiß.

 

Lebens-Mut

Unsere Trauer berührt dich nicht,

du bleibst,

und atmest,

und öffnest die Augen,

manchmal.

Was dich ernährt,

und was dich

am Leben hält,

wissen wir nicht.

Einer nach dem anderen

kommen wir zu dir,

wie, als holten wir uns deinen Segen.

 

liebe Grüße  Heike Schaumann

Draußen zu sein ist eine Erholung für alle Menschen. Die Sonne auf mich scheinen lassen, Regen auf meiner Haut spüren, das sind Dinge, die wir im Alltag erfahren, und oft gar nicht so richtig wertschätzen. Menschen mit Demenz, die in einem Heim leben, sind mehr von diesen Alltagserlebnissen abgeschottet, als wir wahrhaben wollen. Frau K will nicht nach draußen, sie verlässt ihr Zimmer gar nicht mehr. Auch Frau L weigert sich mitzukommen, obwohl ich weiß, sie ist früher sehr gerne draußen gewesen. Ich glaube diese Weigerung ist eine Mischung aus Unsicherheit und Angst, weil Menschen mit Demenz oft nicht mehr richtig einschätzen können, was sie da draußen erwartet. Jeder Schritt aus der gewohnten Umgebung ist eine Herausforderung. Frau S schimpft mich aus: bei so einer Veranstaltung war sie früher immer, dazu hat sie keine Lust mehr und ich soll sie bloß in Ruhe lassen …! Herr B ist müde, er ist alt, keine „zehn Pferde“ bekommen ihn vor die Tür. Manchmal schafft seine Tochter ihn trotzdem nach draußen, dann gefällt es ihm sogar! Einmal in sechs Wochen reicht ihm allerdings. Andere Bewohner wollen immer raus, und sitzen beim ersten Sonnenstrahl auf der Terrasse.

Die Maßstäbe verrücken. Die Zeit geht langsam, keine Pläne, keine Vorhaben für die Zukunft unterbrechen die Tage. Das „nach draußen gehen“ unterbricht die Lethargie, bringt neue Eindrücke, frischen Wind. Heute waren Frau D, Frau P, S. und ich im Park. Alles ist voller Leben und frischer Farben. Frau D ruft immer wieder aus, wie schön alles sei. „Das machen wir bald wieder“.  Sie staunt über die riesigen Bäume, und sagt wie herrlich sie sie findet. Wir umarmen zu zweit eine dicke Buche, unsere Arme reichen gerade einmal drumherum. Frau D und Frau P bedanken sich am Ende bei uns für den schönen Ausflug: manchmal reicht ihr Kurzzeitgedächtnis nicht für 5 Minuten, heute wissen beide ein Stunde später noch, dass wir draußen waren.

Frau E wird jede Woche zweimal zu einem langen Spaziergang abgeholt. Sie ist über 90 Jahre alt, aber die Bewegung an der frischen Luft hält sie fit. Ich bilde mir ein, die regelmäßige Bewegung verzögert auch das Fortschreiten der Demenz. Auch Herr T ist noch viel unterwegs, wir lassen ihn seiner Wege ziehen, und er findet fast immer allein zurück.  Er geht bei jedem Wetter, nichts hält ihn in der „Hütte“, sein Orientierungssinn bleibt aktiv. Die Natur interessiert ihn weniger, er sucht Kontakt zu Menschen. Alle Nachbarn kennen ihn, sie unterhalten sich mit ihm über den Gartenzaun, auch wenn er sie manchmal ein bißchen nervt. Das Draußensein ist eben auch eine Verbindung zur Welt und zu den „Anderen“.

Herr O`s guter Freund kommt einmal in der Woche und nimmt ihn mit nach draußen. Manchmal nur für zehn Minuten. Ich bin jedesmal erstaunt, wie vertraut die beiden miteinander sind, wie Herr O anders wiederkommt, von diesem kleinen Ausflug in die Welt vor unserer Tür.

In meiner Wunschkiste ist dieser besondere Wunsch: „Spaziergeh- Draußensein“ Paten für die Bewohner, die zu selten raus kommen. Einmal in der Woche würde schon reichen …

Inspiriert vom Frühling  –  liebe Grüße   Heike Schaumann

Wir werden geprägt durch das, was wir tun. Ein großer Teil unseres Lebens ist von unserer Arbeit bestimmt. Menschen die ihre Arbeit mögen, leben glücklicher als Menschen, die gelangweilt oder frustriert über ihre Arbeit sind. Auch in der Demenz gibt es immer wieder Anknüpfungspunkte an das, was jemand getan hat. Dazu gehört neben dem Beruf natürlich auch das Hausfrau und Mutter-Sein.

Herr L empfängt uns manchmal in seiner Kanzlei. Tonfall und Begrüßung sind dann professionell. Seine Worte passen nicht immer dazu, aber wir spüren, jetzt wird es ernst. Wir müssen uns als seine Klienten zu benehmen wissen. Wir ahnen seine Kompetenz und seine beruflichen Fähigkeiten: das ist eine gute Erinnerung und wir erneuern den Respekt, den wir vor seinem Leben, dem was er geleistet hat, haben. Manchmal erinnern sich Besucher an ihn, besonders, wenn er sie in einschneidenden Momenten ihres Lebens begleitet hat, zum Beispiel ihre Scheidung verhandelt hat. Anwalt zu sein ist wichtiger Teil seiner Identität.

Frau S hat einen EDEKA geführt. Den ganzen Tag ist sie auf den Beinen, sie wandert durch den Wohnbereich, ruhelos und trotz ihres Alters stundenlang. So war es auch früher, sie hat den Laden geschmissen. Das ist geblieben, auch ohne Worte teilt sich ihr Lebensmuster mit. Wir bekommen eine kleine Ahnung von ihrem Alltag, die Arbeit war ihr wichtigster Inhalt.

Manchmal ist es auch die Kindheit, die Menschen ihr Leben lang begleitet. Wie bei Frau J: Als Jugendliche musste sie schon schwer arbeiten in einer Fabrik. So hat sie es beibehalten. Auch heute legt sie ein atemberaubendes Tempo an den Tag, wenn es darum geht Unkraut zu zupfen, oder das Geschirr abzuspülen. Kaum Ruhe, geschweige denn Genuß, ist in ihrer Geschäftigkeit zu sehn. Trotzdem erleben wir sie zufriedener wenn sie etwas zu tun hat.

Frau G reagiert sanftmütiger, engagierter, wenn sie daran erinnert wird, dass sie als Erzieherin ja auch die Ruhe bewahren musste, Geduld brauchte. Sie „erinnert“ sich an das, was sie kann. Es tut ihr gut als Profi angesprochen zu werden. Sie fühlt sich akzeptiert und geschätzt. Und auch wir sehen sie mit anderen Augen.

Zur Zeit sammle ich Fotos von Bewohnern und Mitarbeitern in Berufssituationen: im Sommer werden wir eine kleine Ausstellung machen! Wir kommen auf eine ganz ansehnliche Berufe- Sammlung: Vom Lastwagenfahrer, Lehrerin, Servierfräulein, Polizist, Putzfrau, Gemüsehändler, Geschäftsfrau, VW-Arbeiter, Philologin, Gärtnerin  bis zu Altenpflegerinnen natürlich …

Grüße aus den Hausgemeinschaften   Heike Schaumann

Über Pflege, und alle Defizite die dazu gehören, wird im Augenblick viel geredet. Dabei wird in der Art und Weise wie wir mit alten und kranken Menschen umgehen, viel über die Zukunft einer Gesellschaft entschieden. In unserem Umgang mit Fragen der Menschlichkeit, der Begleitung und Unterstützung Sterbender, von Menschen mit Demenz, wird abhängen wie wir in der Zukunft ethisch handeln werden . Es kommen viele Fragen auf uns zu: größere technische Möglichkeiten bei gleichzeitig weniger werdenden finanziellen Möglichkeiten (geringere Renten der nächsten Generation), Ersatz von menschlicher Arbeit durch Roboter auch in der Pflege und wie wir damit umgehen wollen.

Es ist nicht leicht, sich immer wieder den Sinnfragen zu stellen. Was bedeutet ein Leben in Demenz, wie gehen wir mit Entscheidungen am Lebensende um, wie bereiten wir uns darauf vor Menschen in diesen Entscheidungen beizustehen? Oft in den letzten elf Jahren musste ich meine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen in Frage stellen. Auch im Rückblick überdenke ich Ratschläge, oder Vorschläge die ich Angehörigen und auch Mitarbeitern gemacht habe. Oft scheint das Sterben ein guter Ausweg aus einer schweren Situation, aus einer langen Leidensgeschichte. Immer wieder bin ich aber auch überrascht, welche Lebensqualität sich einstellt, bei sehr schwer kranken Menschen. Demenz betrifft viele Familien. Vielleicht ist das gut: das macht es schwerer, sich von den Entscheidungen und Überlegungen die diese Themen mit sich bringen zu distanzieren. Es ist dann nicht so leicht zu sagen, „lass die anderen sich darum kümmern“.

Wir haben uns in den letzten Jahren viele Gedanken um Menschen und ihre Schicksale gemacht. Immer wieder diskutiert und geredet, wenn wir nicht gesehen haben, wie es weiter gehen kann. Manchmal haben uns Menschen im Haus an die Grenzen unserer Geduld und unseres Verstehens gebracht. Wir haben nicht aufgegeben und weiter nach (guten) Lösungen gesucht. Diese „Suche“ sehe ich als einen wichtigen Weg. Um gute, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen brauchen wir Menschen, die das geübt haben, die nicht leichtfertig mit Fragen wie Freiheitsentziehung, Selbstbestimmung und Machtausübung umgehen.

Die Sorge und Verantwortung für Menschen mit Demenz und für Menschen am Ende ihres Lebens ist trotz aller positiven Entwicklungen ein einsames Geschäft.  „Einer muss es ja machen“: so bleiben zuletzt die professionell Pflegenden (abgesehen von den engsten Angehörigen), und da wäre es doch sinnvoll, diese Menschen gut auszubilden, nicht nur pflegefachlich, sondern auch in Bezug auf Menschlichkeit, Sinnhaftigkeit ihres Tuns, und ihnen Teilhabe an einer wirtschaftlich immer besser gestellten Gesellschaft zu gewähren.

Es gibt diese indianische Geschichte: zwei alte Frauen werden in der Wildnis ausgesetzt, um dort zu sterben. Die Dorfgemeinschaft sieht dies vor, wenn Menschen nicht mehr „nützlich“ sind, um ihre Gemeinschaft zu schützen. Die beiden Alten lassen sich das gefallen: in der Wildnis merken sie, dass sie noch Fähigkeiten haben und verweigern sich dem Sterben. Sie verwandeln ihren Zorn in Tätigkeit.

Diese Geschichte kann Alte und Pflegende gleichermaßen inspirieren: nicht aufzugeben und sich auf die eigenen Möglichkeiten zu besinnen.

liebe Grüße  Heike Schaumann

In letzter Zeit mache ich mir Gedanken über die Untätigkeit, die mir im Haus begegnet. Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Möglichkeit in normaler Weise tätig zu sein. Sie wissen nicht mehr was sie tun wollen, sie haben manchmal auch Angst das offensichtlich wird, dass sie die Abläufe von ganz einfachen Tätigkeiten nicht mehr kennen. Sie finden den Antrieb nicht mehr. Frau X sagt mir immer wieder: „Dazu habe ich keine Lust, ich habe lange genug gearbeitet!“ Frau X kann nicht zugeben, dass sie keine Ahnung mehr vom Kochen hat. Sie unterhält sich noch gerne über Rezepte und welche Zutaten man braucht, aber ich bin sicher, dass sie keines der Gerichte, die sie so liebt noch kochen könnte.

Frau G hat mich eingeladen, sie denkt ich bin bei ihr zu Gast. Sie geht zum Kühlschrank und holt so manches hervor: ein hartgekochtes Ei, ein eingewickeltes Stück Schokolade, einen  Joghurt. Sie deckt den Tisch mit drei Messern, einigen Gabeln und zwei Tellern. Dann löffelt sie den Joghurt und beruhigt sich dabei. Sie wird ruhig im Gefühl des Tätigsein und der Gastgeberin-Pflichten. Die meisten Bewohner sitzen viel herum und warten auf Anregungen von außen. Frau M lehnt meistens alle Angebote ab. Sie regt sich dann auf, was wir von ihr verlangen, und dass wir sie in Ruhe lassen sollen. Ich spüre ihre Angst, ihre Unruhe, dass ihre Unfähigkeit „entdeckt“ wird, die sie selbst nicht ganz fassen kann.

Sicher verhindern wir Tätigkeit auch oft, indem wir ja immer besser wissen, wie es richtig geht. Was wenn wir Menschen einfach „tun lassen“ würden? Gut, es gäbe viel Geschrei von den „Fitteren“.  „Herr B trinkt aus der Blumenvase“, „Die K gehört nicht hierher, sie hat schon wieder …“, das haben wir alles schon erlebt, und haben es nicht lange ausgehalten.

Frau Z war heute im Garten und hat irgendwas aus dem Beet gerupft. Alle sind ruhig geblieben, und haben sich gefreut, dass sie endlich wieder etwas „machen wollte“. Es war trotzdem gut, dass man nicht so genau sehen konnte, was sie aus der Erde gezogen hat …

Ich glaube, dass wir alle fröhlicher sein könnten, wenn mehr selbst getan würde. Sich einen Kaffee zu holen, auch wenn es länger dauert, dem anderen die Wasserflasche zu öffnen, und mein Bett selber zu machen, das sind winzige Schritte in die richtige Richtung.

liebe Grüße  Heike Schaumann

diesen  Satz hören Angehörige, besonders Töchter und Söhne, von Menschen mit Demenz häufig. „Macht mit mir doch was ihr wollt“, das ist die andere Version desselben Satzes. In beiden Fällen wird die Verantwortung für das eigene Leben abgegeben. Jemand anderes bekommt den schwarzen Peter zugeschoben. Ganz zu Anfang meiner Arbeit in der Unterstützung von Menschen mit Demenz, kam Frau K mit ihrer Mutter zu uns in die Beratungsstelle. Sie nahm an unserer „Töchtergruppe“ teil. Ein Abend ist mir besonders in Erinnerung: Frau K kommt aufgelöst in die Gruppe, sie erzählt uns, dass ihre Mutter am Nachmittag zu ihr gesagt habe -„Du musst jetzt für mich sorgen, deine Mutter ist jetzt dein Kind“. Frau K ist erschüttert, sie ist aber auch wütend, wie selbstverständlich und ohne Frage die Mutter ihr einfach die Verantwortung überträgt. „Und wenn ich es nicht machen will?“ „Wenn ich nein sage…?“ Frau K weiß, dass sie das nicht tun wird, sie fühlt, dass es so kommen wird, wie die Mutter sagt.

In dieser Situation sind viele Angehörige. Besonders auch wenn es am Ende um Entscheidungen über Leben und Sterben geht. Was will mein Vater, was hätte er gewollt? Krankenhaus ja oder nein? Soll ein Herzschrittmacher noch implantiert werden? Muss der wahrscheinlich stattgefunden habende Schlaganfall unbedingt im Krankenhaus abgeklärt werden? Was ist ein Notfall? Wie genau kann man den Anderen kennen? Kann ich mir sicher sein, dass ich im Sinne des Betroffenen handle, wünsche ich mir vielleicht sogar seinen Tod? Wer kann mir helfen, wie komme ich mit meinen Gefühlen klar?

Manchmal hilft es zu fragen: der Mensch mit Demenz hat vielleicht einen guten, klareren Tag und es ergibt sich unverhofft eine Gelegenheit ein schwieriges Thema anzusprechen. Es kommt eine deutliche Antwort und der Angehörige spürt genau: das ist ernst gemeint, darauf kann ich bauen. Diese Momente zu nutzen ist wunderbar, sie können ganze Familien entlasten und eine gewisse Selbstbestimmung zurückbringen. Wenn das nicht geht, muss der Austausch mit den Betreuenden in der Einrichtung gesucht werden. Ich kann nicht mehr zählen wie viele male wir mit Angehörigen, auch mit Ärzten zusammen gesessen haben um diese Fragen zu erörtern. Jede neue Situation fordert neue Entscheidungen heraus. Niemand kann im Voraus wissen, welcher Notfall, welche Entscheidungssituation dann tatsächlich am Ende des Lebens auf uns wartet. Vorbereitet sein ist gut, aber noch wichtiger ist es, bei allen vorher getroffenen Absprachen auch Spielräume zu haben, sich Optionen offen zu lassen.

Gestern haben wir über eine belastende Situation im Wohnbereich gesprochen. Wir haben versucht Strategien des Umgangs zu finden, die alle entlasten. Der Ernst und die Empathie der Mitarbeiter für Herrn J hat mich berührt. Heute war Herr J viel ruhiger als sonst, und hat sich zugewandter gezeigt als in den letzten Wochen. Die Kraft der Gedanken, der guten Gedanken hat mehr Bedeutung für unsere Arbeit, als wir uns normalerweise klar machen. Unsere Gespräche verändern uns und die anderen.

liebe Grüße   Heike Schaumann

Jeden Tag aufs Neue stürzen wir uns ins Leben: Mitarbeiter und Bewohner der Hausgemeinschaften. Rosenmontag tanzen wir uns die Füße wund, wenn die Sonne scheint gehen wir raus. Wir machen all das, was auch die anderen tun. Es sieht nicht immer so elegant aus, dafür ist es echt. Es ist authentisch. Gestern haben wir uns getroffen, um über unsere Zukunft zu sprechen: einige Mitarbeiter, die Jahr für Jahr zusammenkommen um die Vision eines lebenswerten Ortes aufrechtzuerhalten. Wir sprechen über unsere Arbeit, unsere Wünsche, und was wir voranbringen wollen. Wir sind neugierig auf das was kommen wird. Jeden Tag werden wir aufgefordert und herausgefordert uns mit dem Leben anderer zu beschäftigen, das beeinflusst auch unser Leben. Manchmal sind wir davon angestrengt, aber vor allem beflügelt es uns: Lösungen zu suchen für schwere Lebenssituationen, und ein kleines bisschen die Welt für Menschen mit Demenz besser zu gestalten. Oft sprechen wir miteinander, wir jammern auch, wir wenden uns den Menschen zu, wir halten den Stress aus, und werden belohnt. Jemand schenkt uns ein Lächeln, ein unruhiger Geist hat einen ruhigen Tag, ein anderer hat endlich eine Nacht durchgeschlafen. Darüber sprechen wir, wir bringen es in unser Bewusstsein, und machen es so zu einer Tatsache. So ist diese Arbeit: wenn wir sie nicht „besprechen“ vergeht der Moment ungenutzt und wir lassen die Früchte der Arbeit verfaulen, statt sie aufzuheben und uns „schmecken“ zu lassen. Ich habe neulich in  einem Vortrag gelernt, das Würdigen bedeutet „angeschaut werden“. Wir brauchen in unserer Arbeit eine Haltung des „Angeschaut werdens und des Anschauen“ Was nicht gesehen wird bekommt keinen Wert.

Am Freitag treffe ich, als ich schon im Mantel in der Tür stehe, Frau H. Sie spricht mich an, und wir gehen in ihr Zimmer, schauen ihre Fotos an. Das macht ihr Freude und verortet sie bei uns. Ich sehe ihr Leben mit anderen Augen, sehe ihre Freude und ihren Stolz auf die Dinge, die sie erreicht hat im Leben. Zu selten gönne ich mir und anderen auf die Früchte zu schauen, auf das was schön ist, auf das was gelungen ist.

Wir lachen über Fotos, die uns aus heutiger Sicht altmodisch vorkommen, und ich erzähle ihr von meiner Idee, lauter Fotos von Mitarbeitern und Bewohnern zu sammeln, die sie in ihren Berufen und Berufssituationen zeigen. Wir machen Pläne wie das gehen kann: zwei Menschen im Gespräch.

Hoffnungsvoll, dass der Frühling kommt!   Heike Schaumann

 

Neulich habe ich über das Fragen geschrieben. Wie das Fragen bei Menschen mit Demenz  Ausdruck davon ist, dass sie sich selbst nicht mehr vergewissern können über ihr Leben, über ihren Zustand. So bleiben viele Bewohner im Haus oft im Unklaren über sich selbst, über das was gewesen ist, und was noch kommen kann. Nicht jeder drückt seine Unsicherheit in Fragen aus.

Frau J fühlt sich  im Augenblick von uns nicht verstanden. Sie fleht mich an, die Polizei zu rufen. Nur die könne ihr noch helfen. Ich bin erstmal ratlos. Ich sehe, Frau J ist in einem furchtbaren Zustand. Alles was ich ihr sage, hat sie gleich wieder vergessen. Ich sitze bei ihr im Zimmer und rede mit ihr, aber sie hört mich nur. Im Moment ist sie so aufgeregt, dass sie nichts verstehen kann. Dann sitzen wir beide einfach da, und schweigen einen Augenblick. Frau J wird etwas ruhiger. Bis zum nächsten Mal. Die Situation bleibt  im Grunde ungelöst.

Oft genug fühlen wir uns hilflos. Die Aufgaben die Menschen mit Demenz mitbringen, ihre Lebensfragen bleiben zum großen Teil unbeantwortet. Hin und wieder habe ich aber doch das Gefühl, jemand hat eine gewisse Klarheit gewonnen. Das Gefühl stellt sich meist ein, wenn wir im Rückblick im Team miteinander sprechen, wenn jemand bei uns verstorben ist. Klarheit bedeutet in diesem Fall nicht eine sprachliche, deutliche Aussage zur eigenen Situation, sondern eher ein Gefühl, dass sich unter uns Betreuenden einstellt. Im Rückblick leuchten uns bestimmte Verhaltensweisen oder auch Aussagen plötzlich ein, bzw. wir verstehen sie in einem neuen Zusammenhang. Dadurch bekommt das Zusammensein, das Erleben mit den Menschen mit Demenz,  einen neuen Sinn. John Kotre, der amerikanische Lebenslaufforscher sagt einmal: „Das wichtigste aber ist, man kennt nie den wahren Charakter einer Person, bis die Geschichte zu Ende ist. Man kennt nie die Bedeutung eines Lebens, bis man dessen Früchte sieht.“ Dies „Sehen der Früchte“ tritt auch bei Menschen ein, deren letzte Jahre durch die Demenz getrübt sind.

Die Komplexität der Zusammenhänge: warum tut jemand etwas, warum treffen ihn bestimmte Ereignisse, warum begegnen wir gerade diesem Menschen, das sind Fragen, die wir nicht beantworten können.

Immerhin: wir nehmen zur Kenntnis, dass wir genau diese Menschen betreuen und pflegen, dass sie diese und keine anderen Fragen an uns stellen. Wir suchen mit ihnen nach Antworten und manchmal finden wir auch die eine oder andere.

Aber Vieles, Vieles bleibt ungelöst.

 

Hand-Arbeit

aus Zeitfäden gewebtes Lebensmuster

von Hand genäht sind die Oesen,

durch die Knopf für Knopf

Schicksal gezogen wird

rote Fäden kennzeichnen

die offenen Fragen

im Nähkästchen des Lebens liegen,

noch ungesäumt,

die Antworten bereit

 

liebe Grüße Heike Schaumann

Menschen mit Demenz sind im Verlauf der Erkrankung immer mehr eingeschränkt in ihrer Kommunikation. Das hat verschiedene Gründe. Sie ziehen sich zurück, weil sie sich unsicher sind, ob sie ihre Umgebung richtig verstehen, oder sie finden keinen Zugang mehr zu den Gesprächen und Handlungen um sich herum. Sie sprechen nicht mehr viel, obwohl sie Sprache noch verstehen können. Herr T lächelt, aber er sagt nichts. Selten gönnt er uns ein passendes Wort für eine Begegnung. Frau G ist letzte Woche eingezogen, die beiden sitzen nebeneinander und verstehen sich auch ohne Worte. Sie spielen zusammen „Dame“. Sie spielen mit den richtigen Regeln. Sie brauchen dafür keine Sprache. Sie kommunizieren über das vertraute Spiel, über Blicke und Gesten.

Frau J und Frau L besuchen sich jeden Tag in ihren Zimmern. Sie sprechen miteinander, jede in ihren Wünschen und Ängsten befangen. Trotzdem trösten sie sich auch gegenseitig. Die eine versteht die Sorgen der anderen nicht, aber durch ihre Versuche sich zu unterstützen, haben sie das Gefühl stärker zu sein. Manchmal flüstern sie miteinander, und beklagen sich wohl auch über den Ort an dem sie leben müssen.

Frau M läuft hin und her, sie ist aufgeregt, weil ihr altes Leben sich auflöst. Nichts ist mehr am richtigen Fleck und das Verschwinden ihrer Handtasche symbolisiert die Verluste, die sie jeden Tag auf Neue erleidet. Wir suchen gemeinsam, gefühlt zum zehnten Mal in dieser Woche. Dann setzten wir uns, und ich erkläre ihr, wie alles so gekommen ist, wer jetzt in ihrem Haus lebt, und dass sie hier bleiben kann. Wir verabschieden uns: für eine kurze oder längere Zeit ist alles in Ordnung.

Ich bitte Frau Z ihr Zimmer einem Besucher zu zeigen, ich weiß, sie macht das gerne. Sie freut sich, dass andere sich für ihr Leben interessieren. Mir fällt auf, dass Frau L immer wenn eine „Besichtigung“ stattfindet ebenfalls aufsteht und in ihr Zimmer, neben dem von Frau Z, geht. Es ist offensichtlich, dass sie auch ihr Zimmer zeigen möchte. Sie kann es nicht mehr sagen, nur durch ihre Taten zeigen. Beim nächsten Besuch zeige ich auch ihr Zimmer und sie strahlt, als ich ihre Möbel und Bilder lobe.

Frau V ist sehr hilfsbedürftig, als sie zu uns kommt. Sie hat sich in wenigen Monaten sehr erholt und wird immer wacher und unternehmungslustiger. Gestern sah ich sie im Stuhl sitzen, nicht mehr im Rollstuhl, sie hat sich unserer neuen, sehr pflegebedürftigen Bewohnerin zugewendet, sie streichelt ihren Arm und gibt ihr zu trinken! Es ist, als hätten sich ihre Wahrnehmungstore geöffnet und sie ist aus einem tiefen Schlaf erwachtt. Menschen brauchen einander, und es ist ein Geschenk etwas geben zu dürfen! Diese Wahrheit zeigt sich im Zusammenleben immer wieder.

Jeder Mensch möchte in seinen eigenen vier Wänden alt werden und dort auch sterben. Das wird uns immer wieder gesagt. Die unsägliche Einsamkeit, die viele alte Menschen in unserer Gesellschaft erleiden, wird weniger wahrgenommen. Menschen mit einer Demenz leben in Gemeinschaft fast immer auf, und werden sich verbliebener Fähigkeiten bewusst. Was sie verlieren wird aufgewogen durch die Möglichkeiten des Zusammenseins mit anderen.

Lebenswerte Räume für Menschen zu schaffen die unsere Hilfe brauchen, das wäre doch ein gutes Ziel für eine wohlhabende, freiheitsliebende Gesellschaft.

liebe Grüße   Heike Schaumann

 

Demenzfreundliches Wehlheiden

Ansprechpartner

Hausgemeinschaften am Heimbach
Am Heimbach 62
34121 Kassel

Heike Schaumann (Heimleitung)
Fon: 0561/50698-520
Fax: 0561/50698-599
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Petra Peter (Pflegedienstleitung)
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