Viele Menschen haben wir in den Hausgemeinschaften beim Sterben begleitet. Jeder Einzelne liegt uns am Herzen. Zu tun was notwendig ist, und was der Situation angemessen scheint, ist jeweils eine neue Entscheidung. Individuelle Leben, und Sterbe-Begleitungen (die ebenso einzig verlaufen), fordern uns immer wieder heraus Gewohntes hinter uns zu lassen. Nicht immer können wir den Menschen, die wir begleiten gerecht werden, aber die Angehörigen spüren unsere Bemühung und sind dankbar.

Der Sterbende selbst sagt uns meist nicht mehr mit Worten, was er von uns braucht, oder die Worte müssen erst „übersetzt“ werden in unsere normale Sprache. Oft ist es nicht eindeutig, was wir zu hören glauben: wir diskutieren, wir ringen um das richtige Verständnis einer Situation, einer Aussage, einer Geste. Dabei fühlen wir uns oft genug unzulänglich, unsere Worte und Taten scheinen nicht zu dem einzigartigen Vorgang zu passen. Was interessiert den Sterbenden noch, braucht er unsere unbeholfenen Versuche des Verstehens überhaupt? Hinter den für uns drängenden Fragen – hat er Schmerzen, möchte er essen oder trinken, soll jemand bei ihm sitzen – verbirgt sich oft unsere Unsicherheit, wie wir dem Sterbenden begegnen können. In diesem Hin und Her zwischen alltäglicher Sorge und Versorgung und Erhabenheit des Sterbens spielt sich ein Teil unseres Hausgemeinschafts-Lebens ab. Es sind oft kleine Dinge, die uns zu verstehen geben, dass der Sterbeprozess beginnt: ein Sturz, zunehmende Schwäche, weniger Interesse an Dingen des Alltags, veränderte Gewohnheiten, oder verändertes Aussehen.

Frau N hat sich in den letzten Wochen abgesondert. Sie ist immer ein freundlicher und humorvoller Mensch gewesen. Jetzt ist sie manchmal grantig und schimpft. Sie hat Schmerzen und zieht sich immer mehr zurück. Anfangs glauben wir mehr Schmerzmittel seien die Lösung. Die bewirken nicht viel. Sie isst und trinkt nicht mehr gerne. Sie liegt auf ihrem Bett und döst vor sich hin. Die Zeichen der Schwäche nehmen zu. Frau N wird im Gemeinschaftsraum vermisst, aber alle gönnen ihr die Ruhe, und nicht auf einmal, aber nach und nach wird uns klar, dass wir sie nicht mehr im Leben, sondern im Sterben begleiten. Diese Erkenntnis einmal ausgesprochen im Team, verändert uns. Wir wenden uns anderen Fragen zu. Womit können wir ihr helfen, was braucht sie jetzt von uns? Eine junge Frau, die vom Hospizverein kommt, findet einen guten Zugang zu Frau N, die beiden unterhalten sich gerne. Alle umsorgen sie, hin und her gerissen zwischen den eigenen Gefühlen. Sterben zu begleiten ist kein ungestörter Prozess: immer wieder kommen Zweifel auf. Haben wir die Situation richtig eingeschätzt, können wir Frau N nicht doch wieder „aufpäppeln“, dürfen wir so über ihr Sterben denken, reden wir es vielleicht sogar herbei? Diese Ambivalenz ist typisch. Erst vom Tod her lässt sich mit Ruhe sagen: Alles ist gut!

Frau N liegt auf ihrem Bett, sie sieht wunderschön aus. Wir sitzen noch zusammen um sie herum, und unterhalten uns. Über ihr Leben, über die letzte Zeit, die letzten Jahre. Was sie sich gewünscht hätte, über unser Leben, den Alltag und wie es jetzt weitergeht. Nicht alle Verstorbenen strahlen diese Zuversicht und Erhabenheit aus. Wir nehmen das Geschenk an, und fühlen uns geehrt, dass wir Frau N begleiten durften.

Ich schreibe das auf, weil es dem Wunsch des „Zuhause in Würde sterben“ vielleicht einen neuen Rahmen verschafft.

liebe Grüße  Heike Schaumann

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Frau J sitzt oft einfach nur da. Ruhig ist sie dabei -wenn man sie nicht kennt, könnte man glauben sie beobachtet uns. Ich denke nicht, dass sie viel dabei erlebt. Wenn ich sie anspreche lächelt sie, meist versteht sie mich nicht richtig. Sie sucht Sätze zusammen, die so ungefähr passen könnten. „Ja, ja das kann schon sein!“, oder „Stimmt genau“. Ich bin gerne bei ihr, weil sie so freundlich ist, und nichts von mir verlangt. Frau J kennt mich nicht mit Namen, aber sie ist auch nicht misstrauisch: wird schon stimmen, dass ich da bin. Am liebsten mag sie es, wenn jemand kommt, und mit ihr spazieren geht, oder eine Runde durchs Haus läuft. Gestern kommt sie plötzlich zu mir, und sie nimmt meine Hand. Wir machen eine Art Tänzchen mit Händen. Schwingen hin und her. In der Bewegung sehe ich, wie sie lebendiger wird, ihr Blick wird gefasster und klarer. Diese Erfahrung des „Klarer werden“ mache ich auch bei anderen Formen von Bewegung: zum Beispiel beim Tanzen, oder auch beim Schunkeln. Bewegung setzt Denken in Gang. Frau J`s Blick ist jetzt auf mich gerichtet und sie schaut mich richtig an! Wir schwingen weiter unsere Arme durch die Luft, und lachen. Wir sind in Verbindung! Wie schön, wie einfach. Es ist doch spannend, dass durch die Berührung in Kombination mit Bewegung, die Menschen mit Demenz erreichbarer werden, mehr „ankommen“. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir jede Gelegenheit dafür nutzen: Tanztreffen, Sitztanz, Feste mit Musik, Arm in Arm spazieren gehen, zur Musik wiegen … Der Rhythmus hilft ins Leben zurück. Viele von uns kennen noch die kleinen rhythmischen Sprüche und Reime, die wir als Kinder vor uns hin sangen: Hänschen klein, Häschen in der Grube, Ein Hut-ein Stock-ein Regenschirm, Backe backe Kuchen … Manchmal nutze ich sie um in Kontakt zu kommen, dann ist es wunderschön, wenn etwas in den Augen eines Menschen aufblitzt, der oft kaum erreichbar erscheint.

Frau L kommt gerade um die Ecke: sie sieht uns schwingen, und packt mich bei der Hand, ich soll mit ihr gehen. Ich nehme sie auf in unseren Hand-Ringelreihn, und jetzt sind wir schon drei!

Mehr Bewegung ins Leben !- liebe Grüße  Heike Schaumann

 

Letzten Donnerstag war es mal wieder soweit: Tanztreffen in der Tanzschule „Für Sie“. Diesmal haben wir uns gut vorbereitet und schon mal eine Wunsch-Song-Liste geschrieben. Jan, der junge Mann der heute für uns auflegt, kann alles über Spotify herunterladen: ABBA, Elvis, Smokey, Udo Jürgens, Alexandra. Manches muss ich erstmal buchstabieren, aber wir kommen zurecht. Anderes  kennt er sogar …

Obwohl draußen 30 Grad Wärme herrschen, geht es gleich nach dem Kaffee auf die Tanzfläche. Absolute Dancing Queen ist wie jedes Mal Frau L. Sie setzt sich nur kurz hin, wenn kein Tanzpartner zur Verfügung steht. Einige unserer jungen Begleiter hat sie schon in Grund und Boden getanzt. Frau T hat früher selbst Standard getanzt, heute bewegt sie sich nur noch sehr ungern, aber die Musik bringt sie dann doch etwas auf Trab. Ihre Schritte sind noch eingeübt, und man sieht die Eleganz noch in der ein oder anderen Drehung. Frau Z kann alles mitsingen, sonst spricht sie fast kein Wort mehr. Ich ahne wie ausgelassen und lustig sie einmal gewesen ist. Die Zuhause- Gebliebenen erzählen mir später, dass sie  – wieder im Heimbach –  sofort müde aufs Sofa gefallen ist. Frau G mag vor allem die Musik: wieder und wieder sagt sie, wie schön das sei! Jailhouse Rock, dazu hat sie mit ihrem Mann getanzt.

Ich bin schon nass geschwitzt, während von Frau L kein Tropfen rinnt. Der Sohn von Frau K ist gekommen, jetzt tanzen die beiden zu YMCA. Unser Tanzlehrer ruft uns zusammen: „bildet einen Kreis!“ Wir gehen nur von rechts nach links, aber das bedeutet schon eine Herausforderung. „Und dann die Hände zum Himmel“, das verstehen wieder alle, und wir singen wie die Verrückten. Wir verausgaben uns, schwitzen, wedeln mit den Händen, und werfen auch ein bißchen die Beine hoch. Diesmal erinnert sich Frau G noch am nächsten Tag ans Tanzen, das ist ein Riesenerfolg in unserem  erinnerungslosen Alltag! „Das war schön gestern, die tollen alten Songs.“

Was bleibt von solchen Nachmittagen, und warum nehmen wir die Anstrengung jedesmal wieder auf uns? Es gibt verschiedene Antworten, die mich alle nicht recht befriedigen: Wir machen gerne anderen eine Freude, wir fühlen uns gerne sinnvoll tätig, wir lieben (manche von uns) Aktionen wie diese … vielleicht von allem ein wenig.

Ich bin zuhause und lege meine schmerzenden Beine hoch: am Freitag ist unser Sommerfest und wir haben Welf Kerner mit seinem Akkordeon eingeladen …

(war übrigens ein toller Nachmittag mit Mengen von Kuchen- danke an alle Bäcker- und einem nahtlosen Übergang zum Bratwurst-Essen!)

liebe Grüße aus den Hausgemeinschaften Am Heimbach   Heike Schaumann

 

Immer mal wieder werde ich gefragt, ob ich für möglich halte, dass traumatische Erlebnisse eine Demenz auslösen können. Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber natürlich interessiert mich das Thema sehr. Wir haben oft mit Menschen in unserer Arbeit zu tun, die Traumatisches in ihrem Leben erfahren haben. In den Jahrgängen von 1920-45 fast immer im direkten Zusammenhang mit  Erfahrungen und Erlebnissen im Nationalsozialismus und im Krieg. Dabei kann die Verletzung vielfältige Gründe haben. Herr G ist als Kind auf der Flucht verloren gegangen, Frau B ist vergewaltigt worden auf dem Weg aus Ostpreußen, wir wissen nicht wo und von wem. Über dieses Schlimme gibt es nur spärliche Informationen. Frau H hat Albträume über die Aufenthalte im Bunker an der Gräfestraße in Kassel: immer wieder hat sie Panik zu spät zu kommen, den schützenden Bunker nicht mehr zu erreichen, aber auch Angst hineinzugehen, und dort zusammengedrängt mit anderen viele Stunden verbringen zu müssen.

Bei anderen wissen wir nicht was ihnen geschehen ist. Was Angst oder auch Panik bei ihnen auslöst. Vielleicht hat es Gewalt in der Familie gegeben? Oder ein anderes, nach außen weniger spektakuläres Ereignis hat eine seelische Wunde hinterlassen.

Eindrücklich sind für mich zwei Männer, die als Soldaten dramatische Dinge in Russland erlebten, die sie in der fortschreitenden Demenz quälten, und die für uns sehr schwer zu begleiten waren. Beide sind selbst Opfer von Gewalt gewesen, und haben aber auch anderen Gewalt angetan.

Herr T kratzt sich immer wieder auf, er schreit und stöhnt viel. Jede Berührung scheint ihn zu verletzen. Er ist untröstbar. Keine Intervention bringt Beruhigung. Die Ursache bleibt trotz aller Vermutungen ein Rätsel. Herr Z hat Flash-backs nach einem Schlaganfall. Er sieht sich auf der Flucht als junger Soldat, erlebt die angstvolle, verzweifelte Situation, sich verstecken zu müssen in russischen Straßengräben, ein zweites Mal. Immer wieder erzählt er folgende Geschichte: „Mein Vater hat zu mir gesagt, tötet nicht die englischen Soldaten, sie sind auch Söhne von Müttern. Aber wenn wir es nicht getan hätten, dann hätten sie uns getötet.“

Für beide bringt erst der Tod die von allen ersehnte Erlösung.

Wir wissen heute, dass jeder Mensch andere Strategien hat, mit schlimmen Erfahrungen umzugehen. Ist die Demenz vielleicht ein Ausweg aus den nicht verarbeiteten Ereignissen, oder sind die Erinnerungen nur nicht mehr zurückzudrängen, durch den zunehmenden Kontrollverlust in der Erkrankung?

Flashback

Unter der Haut

liegen die Bilder

die dich jucken

 

du willst sie wegkratzen

schlägst nach uns

wenn wir dich berühren wollen

 

du schaust durch uns hindurch

unsagbarer Schmerz

aus der Vergangenheit

 

unsichtbar für unsere Augen

bleiben die Bilder

im Dunkeln

 

unerlöst

unlösbar

gebunden in deinen Körper

sterben sie erst mit dir

 

und hinterlassen

eine blutende Spur

Heike Schaumann

 

 

Heute waren unsere Mitarbeiterinnen der sozialen Betreuung nicht da. Das kommt selten vor, und wir haben uns schon sehr daran gewöhnt, dass es immer ein Angebot gibt: erzählen, rätseln, basteln, singen, spazieren gehen, malen, oder was uns sonst noch so einfällt. Ich habe auch mal wieder Lust zu spielen, und wir veranstalten eine kleine Ballspielrunde im Schatten. Zwei unserer jungen Leute im Haus sind mit dabei. Wenn ich es beschreibe klingt es beinahe langweilig: wir werfen uns zu, versuchen einen Eimer zu treffen, und testen ob die anderen in der Runde überhaupt schon richtig wach sind … Ich habe Annika, meine Kumquat-Puppe dabei. Sie begrüßt jeden einzelnen, schon das ist ein Spaß für alle. Ist das albern? Ist es für Erwachsene angemessen? Die Reaktionen der Bewohner sind positiv, wir amüsieren uns übereinander und miteinander: wir spielen. Wir blödeln und versuchen uns gegenseitig aus der Reserve zu locken. Frau H trifft der weiche Ball am Kopf, und alle lachen. Sie selbst schaut erst entrüstet, als alle lachen, lacht sie mit. Der Treffer hat nicht wehgetan, aber er hat sie wach gemacht. Frau H spielt jetzt richtig mit! Sie versucht jemand anderen zu treffen. Frau G sitzt hinter uns, sie guckt etwas mitleidig, bis sie selbst den Ball in die Hand bekommt und ihr Ehrgeiz erwacht: sie möchte den Eimer treffen! Mehrmals wirft sie daneben, und will schon aufgeben. Wir feuern sie an: „G… vor noch ein Tor!“Sie hat durch die Erkrankung nur noch wenig Zutrauen zu sich selbst. Wir motivieren sie es noch einmal zu probieren, und sie trifft. Frau G freut sich und lacht. Sie ist in diesem Moment so entspannt und gut gelaunt wie selten. Herr T kann den Ball nicht loslassen, er hält den Ball fest und der Arm bewegt sich keinen Zentimeter. Erst als das Spiel schon beendet ist sitzt er noch da, und wirft plötzlich los. Es ist als hätte er auf diesen Moment gewartet: er übt schon mal für`s nächste Spiel.

Nach dem Spiel sind alle fröhlich und eine Leichtigkeit ist da, die wir sonst manchmal vermissen. Ich schwitze, und vergesse mein Telefon im Garten. Mit neuer Energie sitze ich an meinem Schreibtisch, und wundere mich warum ich nicht öfter mitspiele.

Das Spielen ist übrigens eine „Profi-Strategie“ die Tom Kitwood empfiehlt im Umgang mit Menschen mit Demenz: ich denke wir können sie für uns alle gut gebrauchen!

Fröhliche Grüße aus den Hausgemeinschaften  Heike Schaumann

Letzten Winter habe ich mir einen Text von der Seele geschrieben. Einige Menschen im Haus waren zu dieser Zeit sehr anstrengend, angetrieben von ihrer Unruhe. Ruhe-los streiften sie durch die Etagen, suchten Auswege, nicht um von uns wegzugehen, eher um sich selbst zu entkommen.

Den Text habe ich „Was ich sehe“ genannt. Auch um deutlich zu machen, dass es meine Sicht auf die Situation ist.

Was ich sehe

Ich sehe dich, wie du schläfst, wie du lachst, wie du sauer guckst. Manchmal siehst du so verwirrt aus, dass ich wegschauen will. Du siehst verrückt aus. Die anderen schreien schon wieder- „die gehört nicht hierhin, die muss in die Psychiatrie“ – dann verteidige ich dich sofort, ich möchte dich beschützen vor diesen Schreihälsen. Du siehst, ich weiß selbst nicht was ich denken, und schlimmer, was ich fühlen soll. Kaum ist der Abscheu verflogen, gehen wir Hand in Hand durch die Flure. Du nimmst mir nicht übel, wenn ich an dir zweifle. Oft genug sehe ich Verzweiflung in deinem Blick, weil du weder mich, noch dich, oder die Welt verstehen kannst. In deinen Gesten liegt Vertrautes aus deiner Vergangenheit: wie sicher du die Schere nimmst, oder den Saft in deinen Kaffee schüttest. Deine Hand zittert manchmal, zu viele Medikamente und Alzheimer nehmen dir die Souveränität über deinen Körper. Deine Gefühle machen dich lebendig, wer dich angreift wird zurück geschlagen, wer dich lieb anschaut wird gestreichelt, wer dich bei der Hand nimmt, wird mitgenommen auf deine endlosen Wanderungen. Kein Weg ist dir zu weit, wenn du nach Hause willst. Im schnellen Lauf rennst du durch die Straßen, einem unerreichbaren Ziel entgegen. Aber du bist nicht unbesiegbar, deine Kräfte reichen nicht mehr lange, die Krankheit zermürbt dich. Ich gebe zu, darüber bin ich irgendwie auch froh, deine Energie macht mir Angst. Wenn du schwächer wirst, weiß ich, wir können es schaffen, wir können dich einholen auf deinem Lauf gegen den Wahnsinn. Manchmal gönnt uns Alzheimer eine kurze Pause, und wir bringen sogenannte Normalität zustande. Ein Moment auf dem Sofa morgens: wir sitzen nebeneinander, und du nähst einen Knopf an. Das Bild ist friedlich, und voller alltäglicher Harmonie. Ich mache ein Foto, bevor du aufspringst, und dich auf die Suche –nach-was-auch-immer- begibst.

Die Qual, die Freude, die Stille, die Vertrautheit, die Unsicherheit, die Hoffnung, wir teilen sie – für eine Weile.

 

Heike Schaumann   2017

 

 

 

 

 

 

Einzug, Widerstand, Anpassung, Beheimatung, Verschlechterung des Zustands, Sterben; in diesem vorhersehbaren Rhythmus verläuft das Leben in den Hausgemeinschaften. Jeder Mensch geht in unterschiedlicher Weise durch diese Stadien. Mal folgt auf den Einzug erst die Anpassung um in einem späteren Stadium der Demenz doch noch in den Widerstand zu gehen. Mal kommt das Sterben ohne weitere Ankündigung, der Betroffene wählt  mehr oder weniger bewusst den Abschied, weil er sich nicht mehr beheimaten kann oder will.

Frau J ist gestern gestorben. Neun Jahre hat sie bei uns gelebt. Alle Phasen durchlebt und durchlitten. Viele Geschichten hat sie in das Album der Hausgemeinschaft eingefügt. Wie sie es allen recht machen wollte am Anfang, und uns manchmal damit genervt hat, wenn sie schon wieder fragte, ob sie auch lieb sei. Später war sie oft sauer und widerborstig, Frau G, ihre Nachbarin, hat sie unterm Tisch gegen das Schienbein getreten. Wie sie voller Humor und Leben uns mit ihrer speziellen Art zum Lachen gebracht hat. Frau J ließ sich zeitweise nur noch schwer versorgen, sie hat uns geschlagen und im nächsten Moment huldvoll und liebenswürdig begrüßt. Wir haben Theater gespielt und Quatsch gemacht. Die letzten drei Jahre hat sie im Bett verbracht, immer im Selbstgespräch, oder im Gebet leise vor sich hin sprechend. Sie hat die Menschen die sie gepflegt haben, immer wieder mit treffenden Bemerkungen und Sprüchen überrascht. Auf eine skurile Weise gegenwärtig und erheiternd. Frau J war bei und zuhause. Sie hat den Heimbach-Zyklus in voller Ausprägung durchschritten.

Die jungen Menschen im Haus, die ihr Essen gereicht haben, die bei der Pflege helfen durften, haben durch sie gelernt, wie vielschichtig und besonders ein Mensch in der Demenz sein kann.

Prachtvolle rosa Rosen aus unserem Garten liegen in ihrem Sarg. Sie hätte sich an ihren Farben erfreut und dann doch gesagt: „ich bin aber eher der Blau-Typ“.

liebe Grüße aus den Hausgemeinschaften Heike Schaumann

Manchmal kracht es im Heimbach. Aus den verschiedensten Gründen. Alle haben genug. Bewohner und Mitarbeiter. Wir arbeiten und leben auf engem Raum zusammen. Wir sind sehr unterschiedlich. Langmütige, geduldige, aufbrausende, nachsichtige, angespannte, traurige, gut gelaunte, nachtragende, fröhliche Menschen treffen aufeinander. Manchmal ist die Stimmung dann explosiv. Einer hat etwas gesagt oder gefordert, und der andere hat dann reagiert, vielleicht nicht so wie der erste sich das vorgestellt hat. Dann gibt es Stress, Streit – es entlädt sich die Spannung, die vielleicht schon seit Stunden oder seit Tagen in der Luft liegt. Heute bin ich mal mittendrin und streite mit. Statt cool zu bleiben, lasse ich mich provozieren von einem Vorwurf, der weniger an mich, als an die Welt gerichtet ist. Ich kann die Fragen von Frau Z nicht beantworten, ich kann die Probleme nicht lösen. Das macht mich manchmal sauer: ich hätte gerne Antworten und Lösungen. In den Jahren hier habe ich schon dazu gelernt. Nicht auf alles gleich reagieren, nicht auf die große Lösung zu setzen. Die vielen kleinen Schritte die wir gehen müssen, mit Menschen, die nicht mehr sachlich und intellektuell ihre Fragen angehen können (betrifft von Zeit zu Zeit uns alle). Die nur allmähliche Veränderung, Verbesserung von schwierigen Lebenssituationen zu akzeptieren, fällt mir trotzdem immer noch schwer. Das Leben in den Hausgemeinschaften hat mich gelehrt, dass „drüber reden“ schon hilft. Manchmal sehe ich die Ungeduld bei den anderen: „schon wieder nur reden!“ Ich brauche oft einen Anlauf, muss mich selbst motivieren wieder das Gespräch zu suchen.

Frau Z braucht nicht immer eine Antwort, wenn ich gelassen bleibe, ist der Ärger bei ihr auch schneller verraucht. Und ich wollte ihr heute ein für alle Mal verdeutlichen, dass das was sie bekommt genug ist. Dabei leidet sie unter ganz anderen Dingen: sie versteht die Welt nicht mehr, und die Wut ist eine Reaktion auf diesen Verlust und kein Mangel an materiellen Dingen, oder emotionaler Zuwendung. Ja, ich weiß das ….

Zwei Minuten nach unserem Streit begegnen wir uns wieder neutral: hat sie alles vergessen? Ich weiß es nicht. Ich bin auch wieder normal, kurz schauen wir uns an. Wir haben nichts „geklärt“ auf verbale Weise. Mit mir unzufrieden, aber erstaunlich friedlich fahre ich nach Hause. Habe ich den Streit gesucht?

recht friedliche Grüße aus den Hausgemeinschaften   Heike Schaumann

Ruhig fließt die Zeit. Leben und Sterben, Schlafen und Wachen, Reden und Schweigen, Erinnern und Vergessen wechseln ab. Frau G hat vergessen wer sie ist, oder denke ich das nur? Versteht sie mehr, als ich glaube?

Bis vor kurzem hätte ich nicht gedacht, dass so wenig Körper noch lebensfähig ist, aber Frau G beweist es. Sie ist nur noch Haut und Knochen, aber sie lebt, sie isst und schläft und atmet. Manchmal wacht sie auf und schaut uns direkt an, oder sie guckt in eine Welt, die nur sie schauen kann. Tag für Tag wird sie gepflegt und behütet. Manchmal habe ich das Bedürfnis ihr Zimmer umzugestalten, etwas Neues aufzuhängen oder ein Möbelstück umzustellen. Dann empfinde ich es als sinnlos, und ich begnüge mich damit, bei ihr zu sitzen. Gedanken gehen mir durch den Kopf, die nichts mit ihr zu tun haben, ich bin ruhig und je länger ich hier sitze, desto friedlicher scheint mir ihr Zustand. Ich bin bei ihr, aber welche Aufgabe fällt mir zu? Welches Rätsel soll ich hier lösen?

Ich muss weiter. Ich lasse Frau G zurück. Der Alltag hat mich wieder und ich folge dem Rhythmus des Lebens in den Hausgemeinschaften. Frau G liegt dort, und stellt keine Ansprüche, sie fragt nach nichts, sie bittet um nichts.

Wenn ich versuche die großen Rätsel des Lebens zu entschlüsseln, versuche zu erklären, wie sich vermutlich jemand in der Demenz fühlt, wie er denkt, fällt mir Frau G ein: dann werde ich demütig und akzeptiere, dass ich sehr, sehr Vieles nicht weiß.

 

Lebens-Mut

Unsere Trauer berührt dich nicht,

du bleibst,

und atmest,

und öffnest die Augen,

manchmal.

Was dich ernährt,

und was dich

am Leben hält,

wissen wir nicht.

Einer nach dem anderen

kommen wir zu dir,

wie, als holten wir uns deinen Segen.

 

liebe Grüße  Heike Schaumann

Draußen zu sein ist eine Erholung für alle Menschen. Die Sonne auf mich scheinen lassen, Regen auf meiner Haut spüren, das sind Dinge, die wir im Alltag erfahren, und oft gar nicht so richtig wertschätzen. Menschen mit Demenz, die in einem Heim leben, sind mehr von diesen Alltagserlebnissen abgeschottet, als wir wahrhaben wollen. Frau K will nicht nach draußen, sie verlässt ihr Zimmer gar nicht mehr. Auch Frau L weigert sich mitzukommen, obwohl ich weiß, sie ist früher sehr gerne draußen gewesen. Ich glaube diese Weigerung ist eine Mischung aus Unsicherheit und Angst, weil Menschen mit Demenz oft nicht mehr richtig einschätzen können, was sie da draußen erwartet. Jeder Schritt aus der gewohnten Umgebung ist eine Herausforderung. Frau S schimpft mich aus: bei so einer Veranstaltung war sie früher immer, dazu hat sie keine Lust mehr und ich soll sie bloß in Ruhe lassen …! Herr B ist müde, er ist alt, keine „zehn Pferde“ bekommen ihn vor die Tür. Manchmal schafft seine Tochter ihn trotzdem nach draußen, dann gefällt es ihm sogar! Einmal in sechs Wochen reicht ihm allerdings. Andere Bewohner wollen immer raus, und sitzen beim ersten Sonnenstrahl auf der Terrasse.

Die Maßstäbe verrücken. Die Zeit geht langsam, keine Pläne, keine Vorhaben für die Zukunft unterbrechen die Tage. Das „nach draußen gehen“ unterbricht die Lethargie, bringt neue Eindrücke, frischen Wind. Heute waren Frau D, Frau P, S. und ich im Park. Alles ist voller Leben und frischer Farben. Frau D ruft immer wieder aus, wie schön alles sei. „Das machen wir bald wieder“.  Sie staunt über die riesigen Bäume, und sagt wie herrlich sie sie findet. Wir umarmen zu zweit eine dicke Buche, unsere Arme reichen gerade einmal drumherum. Frau D und Frau P bedanken sich am Ende bei uns für den schönen Ausflug: manchmal reicht ihr Kurzzeitgedächtnis nicht für 5 Minuten, heute wissen beide ein Stunde später noch, dass wir draußen waren.

Frau E wird jede Woche zweimal zu einem langen Spaziergang abgeholt. Sie ist über 90 Jahre alt, aber die Bewegung an der frischen Luft hält sie fit. Ich bilde mir ein, die regelmäßige Bewegung verzögert auch das Fortschreiten der Demenz. Auch Herr T ist noch viel unterwegs, wir lassen ihn seiner Wege ziehen, und er findet fast immer allein zurück.  Er geht bei jedem Wetter, nichts hält ihn in der „Hütte“, sein Orientierungssinn bleibt aktiv. Die Natur interessiert ihn weniger, er sucht Kontakt zu Menschen. Alle Nachbarn kennen ihn, sie unterhalten sich mit ihm über den Gartenzaun, auch wenn er sie manchmal ein bißchen nervt. Das Draußensein ist eben auch eine Verbindung zur Welt und zu den „Anderen“.

Herr O`s guter Freund kommt einmal in der Woche und nimmt ihn mit nach draußen. Manchmal nur für zehn Minuten. Ich bin jedesmal erstaunt, wie vertraut die beiden miteinander sind, wie Herr O anders wiederkommt, von diesem kleinen Ausflug in die Welt vor unserer Tür.

In meiner Wunschkiste ist dieser besondere Wunsch: „Spaziergeh- Draußensein“ Paten für die Bewohner, die zu selten raus kommen. Einmal in der Woche würde schon reichen …

Inspiriert vom Frühling  –  liebe Grüße   Heike Schaumann

Demenzfreundliches Wehlheiden

Ansprechpartner

Hausgemeinschaften am Heimbach
Am Heimbach 62
34121 Kassel

Heike Schaumann (Heimleitung)
Fon: 0561/50698-520
Fax: 0561/50698-599
heimbach@albert-kolbe.net

Petra Peter (Pflegedienstleitung)
Fon: 0561/50698-576

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